|
Ausfuhren von Agrarprodukten und Nutzfahrzeugen wachsen kräftig – Börse
Bangkok im asiatischen Quervergleich erstaunlich robust
Thailand meldet sich zurück. Von 2004 bis 2007 wurde die
Wachstumsdynamik von Südostasiens drittgrösster Volkswirtschaft durch
politische Unruhen, schlechte Ernten Und wegen der durch den Tsunami
teilweise zerstörten Tourismusinfrastruktur gebremst. Diese Probleme hat
das Land nicht nur teilweise überwunden, es hat jetzt vielmehr zu einer
wohl längeren Expansionsphase angesetzt. Zwar spürt auch Thailand den
weiterhin hohen Erdölpreis, der unter anderem massgeblich für die
Inflation von 5% im ersten Quartal verantwortlich ist. Das Land sollte
aber dank einer glücklichen Kombination von anderen Faktoren die
Auswirkungen einer schwächelnden Weltwirtschaft besser verkraften als
viele seiner asiatischen Nachbarn.
Nach Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) wird die
thailändische Volkswirtschaft im laufenden Jahr 5% wachsen. Die
Regierung ist noch zuversichtlicher und geht von 6% aus – und hat dieses
Wachstumsziel im ersten Quartal auch erreicht. Das günstige
Wirtschaftsumfeld spiegelt sich an der Börse Bangkok. Während alle
anderen südostasiatischen Aktienmärkte deutlich tiefer notieren als zu
Jahresbeginn, steht der Set-Index der Börse Bangkok nur knapp unter dem
Jahresultimo 2007. In den vergangenen drei Monaten hat das Leitbarometer
fast 20% angezogen.
Politisch noch nicht gefestigt
Die guten Vorlagen des thailändischen Aktienmarktes sind umso
bemerkenswerter, weil die innenpolitische Lage nach wie vor verfahren
ist. Zwar haben sich im Februar die im September 2006 durch einen Putsch
an die Macht gekommenen Generäle nach Neuwahlen in die Kasernen
zurückgezogen. Doch in Bangkok kursieren erneut Gerüchte über einen
weiteren Militärcoup. Allerdings ist ein neuerlicher Armeeputsch eher
unwahrscheinlich.
Die Zukunft der Regierung von Premierminister Samak Sundaravej wird
indes durch ein Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof überschattet.
Führenden Exponenten seiner Partei der Volksmacht (PPP) wird
vorgeworfen, Stimmen gekauft zu haben. Falls es zu einer Verurteilung
kommen sollte, könnte die Partei allenfalls aufgelöst werden, was
wiederum Neuwahlen notwendig machen würde.
Sollte dieses Szenario tatsächlich eintreten, so würde das wohl
bedeuten, dass der Entscheid über grössere Infrastrukturprojekte – wie
die Modernisierung des noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden
Schienenverkehrnetzes oder der Bau von Kläranlagen – verzögert würde.
Die thailändische Zentralbank geht dennoch davon aus, dass die
Staatsausgaben für Infrastrukturprojekte im laufenden Jahr 9 bis 10%
höher ausfallen werden als 2007.
Intervention unwahrscheinlich
Ein kräftiger Wachstumsmotor ist vor allem die Privatwirtschaft. Hier
nähert sich die Produktionskapazität in der Industrie der 90%-Grenze,
was ein Zeichen für einen bevorstehenden Investitionsboom ist. Ein im
März beschlossenes Paket steuerlicher Erleichterungen hat bereits
begonnen, belebend auf die Konjunktur zu wirken. Ein weiterer wichtiger
Wachstumsfaktor ist der zunehmende Konsum in den ländlichen Gebieten, wo
nach wie vor die Mehrheit der Bevölkerung lebt.
Auch der Export dürfte trotz der zur Schwäche neigenden Weltwirtschaft
ein bedeutender Wachstumsfaktor bleiben. Wie robust die Verfassung
dieses Sektors ist, hat sich unter anderem in den vergangenen achtzehn
Monaten erwiesen, in denen der Baht sich zum Dollar rund 20% aufgewertet
hat. Trotz der ebenfalls markant gestiegenen Rechnung für Erdöleinfuhren
hat Thailand 2007 einen deutlichen Aussenhandelsüberschuss erzielen
können. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Produktivität steigt und das
Land den Strukturwandel meistert. Die Befürchtungen, die Zentralbank
könnte zum Schutz der einheimischen Industrie erneut Beschränkungen im
Zahlungsverkehr mit dem Ausland einführen, scheinen damit verflogen zu
sein.
Weg vom Billigimage
Ein Grund für die Stärke der thailändischen Exportindustrie ist, dass
sie nicht so abhängig von der Nachfrage der Konsumenten in Europa oder
den Vereinigten Staaten ist, wie das in vielen anderen asiatischen
Ländern der Fall ist. Denn anders als etwa in Taiwan und Malaysia werden
in Thailand nur in geringem Masse zyklische Güter wie Halbleiter und
Elektronikgeräte produziert. Thailand hat sich dagegen in den
vergangenen zehn Jahren weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit
zu einem der grössten Exporteure von Agrarprodukten und einem
bedeutenden Standort der Automobilindustrie entwickelt. Zwar gibt es
keine einheimischen Automarken, doch bauen vor allem japanische und
zunehmend auch amerikanische Hersteller hier Nutzfahrzeuge. Von 2004 bis
2007 hat sich beispielsweise die Anzahl ausgeführter Einheiten auf über
700,000 mehr als verdreifacht. Absatzgebiete sind vornehmlich
Südostasien, der Nahe Osten und Afrika, die getrieben von den anhaltend
hohen Energie- und Agrarpreisen einen Wirtschaftsboom durchlaufen.
Als bemerkenswert robust hat sich überdies der Fremdenverkehr erwiesen.
Das Land konnte sich schnell von den Folgen der Tsunami-Katastrophe von
Ende 2003 erholen. Auch in der Touristik ist es Thailand gelungen, die
Wertschöpfungskette hinaufzusteigen. Es spricht inzwischen verstärkt das
Luxussegment an und will sich vom bisherigen Massentourismus- Image
entfernen. Dabei nimmt Thailand in den Bereichen Wellness und Gesundheit
im internationalen Vergleich bereits heute einen Spitzenplatz ein. |